Ulla Kriebernegg

Liebe Gertrud,

dein Schreiben macht mich wehmütig. Auch wenn du sehr gefasst schreibst und mit Recht stolz auf diese Pionierarbeit auf dem Gebiet zeitgenössischer Chorliteratur sein darfst, bin ich richtig traurig.

Und trotzdem kann ich persönlich keine Lösung, keinen konkreten Vorschlag, keinen realistischen Weg sehen, der dieses wunderbare Projekt fortsetzen könnte. Ich denke, alle mir bekannten fähigen Persönlichkeiten in unserem Umkreis haben einiges auf ihren Schultern und sind obendrein in einem Alter, wo man ganz bewusst auch zurückschrauben muss, um nicht unter die Räder zu kommen.

So bleibt mir auch nur - so wie dir - zu hoffen, dass diese Musik und ihre bedingt andere Herangehensweise beim Chorstudium, neue Hörerfahrungen, kreative Interpretationszugänge uvm. unserer Gesellschaft ein Anliegen bleiben und dass es auch in Hinkunft ambitionierten ChorleiterInnen ein Anliegen sein wird, neue Klangwelten zu erschließen.

Tatsache ist, dass zeitgenössische Musik eine tiefe Auseinandersetzung mit derselben voraussetzt, um sie zu be-greifen, um selbst Feuer zu fangen, um Jugendliche anzustecken und den nötigen zeitlichen Rahmen der Beschäftigung bzw. für die Erarbeitung zu reservieren.

Das benötigt gut ausgebildete ChorleiterInnen, die bereits in ihrer Ausbildung auf der KUG oder am Konservatorium regelmäßig mit neuen Klängen konfrontiert werden müssen.

Und es benötigt das Loslassen von Berührungsängsten. Ich glaube, das ist uns noch nicht mit diesem Projekt gelungen, auch wenn du dich absolut darum bemüht hast, viele Chöre jeden Alters anzusprechen. Zeitgenössische Chormusik ist noch immer "Nischenmusik", zumindest für Laienchöre und Schulchöre, was nicht heißt, dass sie nicht in absehbarer Zeit selbstverständlich ist.

Ich denke, alles braucht seine Zeit.

Unsere Aufgabe wird es sein, die Musik da und dort aufleuchten zu lassen.....

 

Ich danke dir für alles, was du geleistet hast, ohne viel Worte zu machen... einfach nur, weil du davon überzeugt warst. Du hast uns wunderbare Chorfeste geschenkt und hast uns mit deiner Rührigkeit und Hartnäckigkeit imponiert. Ich streu dir symbolisch rote Rosen....

Liebe Gertrud, alles Gute auf deinem Lebensweg.

Alles Liebe!

Ich hoffe inständig, wir bleiben in Verbindung.....

Grüße aus dem Süden

Ulla